Sonntag, 1. juni 2008
6:10 Bahnhof Schindellegi. Ich hab's geschafft, stehe 10 Minuten vor Abfahrt entspannt auf dem Bahngleis. Eine junge, leider dicke, Amerikanerin wartet mit mir. Ich fange ein Gespräch an. Sie ist au-pair, kommt aus Canada und macht einen Wochenendtrip nach Florenz mit Freunden.
Ich erzähle ihr dass ich in der ersten Klasse in Canada war und sich die Lehrer sehr gut um mich gekümmert haben. Dass danach nie wieder eine bessere Schule für mich kam. Dass die deutschen Lehrer sich auch noch freuen wenn Du es nicht schaffst.
Sie ist ein wenig erfreut. Ich überlege noch ihr meine hübsche Visitenkarte mit den Fussabstreifern zu überreichen mit der Bitte mich als Fotografen in ihrer Gastfamilie, die nächsten Monat ihr drittes Kind erwartet, zu empfehlen. Ich lass es bleiben.

Richtung Chur bin ich mit ein oder zwei anderen Passagieren alleine im Abteil. Ich gönne mir einen Tee. Leider ist dieser wie immer sehr geizig, bzw. verschwenderisch bemessen - wie man's nimmt. Geizig weil die Papptasse, ich denke 0,2l, zu klein ist, verschwenderisch weil man mit der Teemenge durchaus auch 0,5l Tee herstellen könnte. Aber die meisten haben keine Ahnung von Tee. Das stört mich. Ich hasse Verschwendung, gerade auch im Kleinen.
 



Chur
Hier steige ich um. Ich merke sofort dass irgendetwas anders ist. Ich bin freudig erregt.
Klar! Es ist die Spurbreite, eine Schmalspur! Wie konnte ich das nur übersehen!



Ich steige ein, bin der Einzige im Abteil. Dann kommen ca. 40 ältere Männer herein, ein Vereinsausflug. Nach einer Weile noch mal ca. 20 Menschen, der Älplerverein.
Zwei Frauen setzen sich in meine Sitzgruppe. Die eine hat riesige Brüste(50?), die andere einen riesigen Hintern(35?). Schade. Ich unterhalte mich mit der grossbrüstigen. Sie ist nett, ich mag ihre Art.
Leider kapiert sie nicht wie schlecht ich ihr schweizerdeutsch verstehe. Sie erzählt was von der Alm. Ich frage wie viele da oben sind. Sie meint so 1-5 Menschen seien auf einer Alm.
Sie unterhalten sich. Über das Kalben. Ich mache meinen MP3 Player mit den In-Ear-Stöpseln an weil es mir zu laut ist im Abteil.
Langsam wird es immer steiler und geht bergauf. Die Aussicht wird kontinuierlich gebirgiger, aufregender.

Ich merke gar nicht als wir die Albulalinie durchfrahren. 'Sechs hohe Viadukte, drei Spiral- und zwei Kehrtunnels machen die Überwindung der gut 400 Meter Höhendirfferenz möglich.'
Von allem was ich seit Jahren über die schweizer Bahnfahrt wusste, war das mein persönliches Highlight. Ich habe nicht mal die Spiraltunnels kapiert, d.h. bewusst wahrgenommen als wir sie durchfahren haben. Naja, was soll's.
Ich war auch sehr mit meiner Canon EOS 40D beschäftigt. Erst Abends habe ich kapiert dass die Kamera mit Polfilter für Aufnahmen aus dem fahrenden Zug heraus einfach nicht zu gebrauchen ist. Das Polfilter schluckt sehr viel Licht; die Aufnahmen mit waren an diesem recht trüben Tag leider alle ziemlich matschig. Ein wenig war ich auch frustriert deshalb. Erst Abends nach Zermatt habe ich den Polfilter vom UV-Filter trennen könne, sie waren wie festgeschweisst. Ich muss jetzt ein wenig Öl auf das Gewinde träufeln, damit es das nächste Mal einfacher geht.
Das Bild zeigt das berühmte Landwasser-Viadukt, Wahrzeichen des Glacier Express.



Ziemlich hoch oben sind dann die Passagiere des Älplervereins ausgestiegen um mit dem Bus weiterzufahren, auch die Männer des anderen Vereins sind ausgestiegen. Der Zug hat sich immer gemütlich Zeit gelassen was mir noch Spass bereitet hat, es war ja noch vor 10 und ich glaubte noch ein wenig an die schweizerische Liebe zur Präzision.
Als ich um 10 Uhr in Zermatt ankam wusste ich genau dass ich mir 6 Minuten Zeit lassen konnte um umzusteigen. Also hab ich erst mal ein Foto vom See gemacht. Den Glacier Express sah ich auf dem anderen Bahnsteig. Ich lief die Treppe hinab um zu ihm zu gelangen.
Als ich die Treppe hochkam war er weg!
Ich lief die Treppe erneut hinab, schaute auf den Plan für Abfahrten. Uhrzeit 10 Uhr 4 genau so wie ich es im Kopf hatte. Auf die Uhr geschaut. 10 Uhr 5. Kein Wunder. Aber warum hat der Zug nicht auf mich gewartet?! Sind die blöd? Können die nicht per Lautsprecher ansagen dass sie 5 Minuten Verspätung haben?
Ist anscheinend zuviel verlangt. Unglaublich.
Ich gehe zum Schalter. Ja ich könnte ein Taxi nehmen und ihn noch bekommen, warum ich mich nicht beeile. Ich renne zum Taxistand, einer ruft was hinterher.
Der Taxifahrer, ein Italiener sagt auf mein drängen er könne nicht schneller fahren, die Polizei. Ich komme am nächsten Bahnhof an. Der Zugführer fragt mich ob ich mit dem Taxi gekommen sei, der ganze Zug habe auf mich gewartet. Prima. Ich steige ein. Sage ihm ich wünsche mir dass er mir bestätigt dass ich mit dem Taxi gekommen sei. Damit ich die 42 Franken in Rechnung stellen kann.
Das kann er aber nicht. Das finde ich sehr merkwürdig. Ich sage ihm: 'Ich sage ja nicht dass Sie die 42 Franken aus Ihrer Tasche an mich bezahlen sollen'. Er sagt das könne er nicht. Er würde sich das überlegen.
Finde ich sehr traurig dass die Mitarbeiter bei einer der vielen schweizer Bahngeseellschaften glauben nicht das bestätigen zu dürfen/können was sie soeben mit eigenen Augen erlebt haben. Sowas finde ich verlogen.
Nach einer Weile kommt er mit einem Kaffee an. Der sei für mich. Eigentlich trinke seit langem ich gar keinen Kaffee mehr. Ich will ihn nicht enttäuschen. Trinke ihn obwohl er mir gar nicht schmeckt.


Der Service im Glacier Express.
Per Lautsprecher und im Prospekt, das für jeden der vier Sitzplätze auf dem Tisch, einschliesslich kostenlosem(! die Chinesen freut es) Kopfhörer liegt, wird für den Service geworben.
Ca. 10:30 kommt eine recht dominante Italienerin und wünscht sofort zu wissen was ich zu speisen gedenke. Ich entscheide mich für ein Tagesmenü. Sie meint um 12 Uhr würden sie mit der Bedienung anfange.
Um 12 habe ich richtigen Hunger und freue mich rechtzeitig bestellt zu haben. 12:45 mein Magen knurrt, der Salat wird serviert, ich denke o.k. endlich. 13:00 mehrrmals ist das Servicepersonal mit dem Mittagessen an mir im schmalen Flur vorbeigerannt. Was ich zu trinken wünsche. Ich bestelle ein Bier.
Ca. 13:15 jetzt erst kommt der Hauptgang. Wie bei den Soldaten: erst kommt sie mit dem Fleisch, gibt eine winzige Portion, dann einer mit den Karotten, danach ein Mann mit dem Reis. Nicht dass es schlecht schmecken würde. Aber für 41 Franken erwartet man nach der 'Serviceankündigung' dann doch ein wenig mehr als ein so simples Gericht.
Wenn man hungrig ist wünscht man sich nicht über eine Stunde auf das Gericht zu warten, man wünscht sich dass das bestellte Getränk auch zum Mittagessen serviert wird, und dass auf dem Teller keine Kinderportion liegt. Immerhin konnte ich nachbestellen. Für das Mittagessen habe mich brav ca. acht mal bedankt und mindestens ca. 15 Kontakte gehabt! (1x Bestellung, 1 x Salat, 1 x Bier bestellt, 2 X 3 für Fleisch, Karotten und Reis, 1 x Bier erneut bestellt, 1 Bier bekommen, 1 Käse bekommen, 5 x gesagt: 'nein ich esse das noch' oder 'bitte stehen lassen, ich möchte das noch essen!'). Diese erfreulich hohe Anzahl an Servicekontakten für ein sehr simpel gestricktes Mittagessen (Mensa-Niveau) für ca. 42sFr = 26Euro ist doch sicher rekordverdächtig! :-)



Als Nachtisch bestelle ich Käse und Brot. Sehr viel Käse mit nur einer kleinen Scheibe Brot kommt. Die Gastronomie in diesem Zug ist ein schlechter Witz! Ich bestelle noch eine Scheibe und bekomme aber noch vier serviert. O.K.
Ich unterhalte mich mit der Japanerin. Ca. fünf mal muss ich dem Personal antworten (darf ich abräumen?) oder es darauf hinweisen dass ich den Käse sehr gerne noch esse. Ich bin so ziemlich am Ende mit meinen Nerven. Sind die alle blöd?! Ich hab doch den Käse gekauft und die Fahrt geht noch über knapp zwei Stunden. Warum soll ich nicht den Käse essen wenn ich wieder Hunger habe? Das ist definitv die letzte Fahr mit einem 'Erlebniszug' in der Schweiz. Ich finde es einfach traurig dass die ca. 5 Mitarbeiter so unsensibel wie Roboter ihren Job nach einem fest einstudierten Drehbuch, ohne Verluste, durchziehen.
Apropos Mitarbeiter: Darf es wahr sein? Da ist doch glatt eine Dicke dabei deren Hintern nur mit Not durch den engen Flur passt. Kann ein Psonalverantwortlicher einen offensichtlich noch ungeigneteneren Mitarbieter einstellen? Die Dummheit ist offensichtlich auch auf höhren Ebenen vorhanden.
Erfreuliche Ausnahme: Die Schaffnerin, eine schielende Italienerin, Mitte 30. Freundlich und kompetent. Berät einen auch in touristischen Belangen!


Sie meinte es sei sinnvoll bis Zermatt zu fahren, das sei schöner als die anderen Orte.
Ich steiege um 17:52 aus. Super dass dort keine Autos fahren dürfen! Aber ansonsten? Die Stadt ist sehr öde, ein Souvenir-Shop am anderen, billige Architektur, nichts gewachsenes. Aber was hatte mir die Schaffnerin gesagt?
Doch, es sind tatsächlich auch einige winzige, historische Holzgebäude zu sehen, und zwar in insgesamt einer(!) Strasse, der Hinterdorfstrasse.

 

19:15 Abfahrt Richtung Visp

Vor Herbriggen komme ich nochmal an der steilen Felswand vorbei, in der sich ein für mich sehr geheimnisvolles Loch befindet, aus welchem ein kleiner Bach fliesst. Wie kommt dieses Loch mit ca. 2 Metern Durchmesser da hinein? Schade dass ich keinen Geologe als Begleiter habe. Ich möchte der Sache noch nachgehen, mal danach googeln. Vielleicht posten mir ja auch Blogbesucher Hinweise?



Jetzt fahren wir auf Höhe des Flussbetts. Der Flusslauf ist leider durch menschliche Eingriffe leicht verunstaltet. Ein wenig Plastikmüll schwimmt im Wasser.
Ich fahre nochmals durch die unglaublich enge und hohe Schlucht mit Fluss unten. Es ist ein Wunder dass überhaupt Platz für die Bahntrasse vorhanden ist. Es geht sehr steil neben der Trasse bergab.



In Visp, eine Stadt mit vielen scheusslichen, neuen, Häusern steige ich in den Zug nach Bern. Wir durchfahren einen endlos langen Tunnel. In Bern steige ich um Richtung Zürich.
In Zürich komme ich doch glatt eine halbe Stunde zu spät um 23:30 an. Den letzten Anschluss habe ich somit verpasst. Es gibt einen grossen Infostand, keiner ist drin. Ich möchte zu einem Schalter, alles dunkel. Weit und breit kein Bahnangestellter. Ich nehme einen Zug nach Pfäffikon um von dort mit dem Taxi heimzufahren. Der Schaffner erkundigt sich: der Zug in Wädenswil wird definitiv auf mich warten. Er hat Mitleid und gibt mir zwei 5 Franken Gutscheine, als Entschädigung dass ich eine Stunde später als geplant daheim ankomme. Immerhin.

Die Zugfahrt war nicht die schlechteste Beschäftigung für einen kalten, wolkigen Tag. Die Strecke ist absolut sehenswert. Aber nie wieder werde ich mit dem Glacier Express fahren und den ganzen Tag im sitzen verbringen. In Zukunft werde ich mit Wanderschuhen ausgerüstet einen schönen Streckenabschnitt anfahren oder spontan aussteigen, wandern und nach herzenslust fotografieren.
von R.W.Fassbinder - veröffentlicht in: Reisebericht
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